Ruhigbleiben. Weitermachen. AI muss warten oder die Blase platzen.
Wir leben gerade mal wieder in spannenden Zeiten.
Ich fühle, dass gerade eins der vielen Reizthemen sich zuspitzt, und zwar rede ich von AI, genaugenommen dem LLM Hype. Seit dem Launch von ChatGPT im November 2022 ging es ja in jeder Beziehung steil bergauf und die Frage ist, kulminieren sich hier nicht gerade all die Diskussionen rund um AI in irgendeine, etwas noch unscharfe Form von ... Panik ?
Ich meine, dass die Extreme zugenommen haben: Auf der einen Seite die Enthusiasten, die immer mehr auf den unglaublichen Nutzen von AI schwören, die eine Ver-x-fachung der Produktivität sehen, AI Agenten kennen, die nahezujede Aufgabe im Bereich der Softwareentwicklung übernehmen können und die immer mächtigere LLM Modelle antizipieren, die dann auch prompt in immer kürzeren Zyklen und mit immer größeren Fanfaren ausgerollt werden.
Und auf der anderen Seite die, ich sage mal, Enttäuschten. Der Mehrwert von den LLM wird da nicht erkannt, im Gegenteil, es wird von negativen Auswirkungen auf die Produktivität, Sicherheitslücken oder von Frust anderer Art berichtet. Das vermischt sich schnell mit dem unglücklichen Gebaren der großen AI Konzerne, die sich mehr wie Kaninchen auf Speed aufführen als renommierte, vertrauenswürde Partner und gar kein gutes Bild am herrschenden Digital-Kapitalismus lassen.
Meine Beobachtung ist, dass nicht nur die Erfahrungs-Extreme zugenommen haben, sondern, dass auch verstärkt besonders im Wirtschaftsumfeld AI als neues Wundermittel ganz besonders an Fokus und Fürsprecher gewonnen hat. Natürlich ist dort mit dem FOMO1 Effekt zu rechnen, keine Firma möchte abgehängt werden und wenn schon alle so unglaubliche Erfolge und Nutzen durch AI versprechen, dann muss man ja dabei sein und auf den gleichen Zug springen. Aber ein Hauptproblem ist und bleibt, dass es sich, Stand heute, noch um Versprechungen handelt.
Wenn in Software-Benchmarks von >70% Erreichung die Rede ist, heißt das immer noch, <30% der Aufgaben oder Ziele werden ungenügend erledigt. Und gerade Software, die Disziplin, die so nahe an der Mathematik liegt und deren Schönheit auch darin besteht, dass Korrektheit, und zwar eine 100%-ige, erreichbar und Prämisse alles darauf Aufbauenden ist, da werden Werte < 100% als Erfolg gefeiert? Wer weist denn dann schon gar noch darauf hin, dass die Benchmarks oft nur populäre Programmiersprachen wie Python, NodeJS, oder auch Rust2 abdecken? Wissen unsere Industrie-CEO nicht mehr, dass ein Großteil deren Assets auf Sprachen wie C/C++, Fortran, Cobol basieren, die wirklichen "Golden Nuggets" von den meisten Firmen geheim sind und aus oft extremen technischen Nischen mit genauso speziellen Lösungen, dh. Programmiersprachen oder -modellen, gespeist werden?
Es ist, wie es ist, aber die Wetteinsätze liegen gerade eindeutig zu Gunsten der Pro-AI Proponenten. Dennoch mehren sich die Stimmen, die die Parallelen zu dem Dotcom Crash der Nullerjahre sehen. Ich persönlich glaube auch, dass wir eine massive Konsolidierung und wieder mehr gesunden Menschenverstand brauchen, aber auch bekommen werden. Natürlich verbunden mit erheblichen finanziellen Verwerfungen, was halt so ein Crash mit sich bringt.
Sollte ich daneben liegen, und keiner kann heute die Wahrscheinlichkeit benennen, dann würde es tatsächlich einen massiven Versatz für die zukünftige technologische Welt bedeuten. Das hätte für die ganze Industrie und auch mich persönlich spürbare Auswirkungen, mit denen sich ich mich und jeder andere Betroffene auseinandersetzen muss.
Ich bin aber ein "Late Adopter" und denke, diese Philosophie hilft mir gerade in der unklaren Situation. Die Technologien, mit denen ich heute arbeite und die meine Industrie und viele andere antreiben, das sind solche, die es schon lange gibt und die sich über die Zeit bewährt haben3. Bestes Beispiel ist SQL, oder besser gesagt Relationale Datenbanken/-Modelle, mit jetzt 46 Jahren "Laufzeit". Die UNIX Philosophie und GNU/Linux als ein "Spin-off" in der Welt der Betriebssysteme - GNU Software wurde 1984 erstmalig entwickelt, dh. läuft auch schon seit 41 Jahren ganz rund hier, von den proprietären UNIX Vorläufern ganz zu schweigen. Was noch? Von Neumann Architektur, Internet Protokoll Suite, verschiedenste Programmierparadigmen - alles schon ne Weile hier.
Sollte die zur Zeit unter AI verstandene Technologie ihren Versprechungen stand halten, dann wäre sie sicher in einer Reihe mit den oben genannten Beispiele zu nennen. Und sie wird bleiben. Und Generationen an Ingenieurinnen und Technikern werden mit ihnen großwerden, sie erlernen und zähmen können. Nicht immer zum Besten für den Menschen, aber das ist eine anderes Thema und kann anhand der Erfahrungen mit vielen anderen Technologien, vor allem jenen außerhalb der Informationstechnologie, belegt und diskutiert werden.
Das Fazit? Die Suppe wird gerade sehr heiß gekocht, ich warte ab, bis ich sie verkoste. An alle, die ähnlich verwirrt sind wie ich und noch kritisch denken, appelliere ich: Lasst euch nicht treiben und verrückt machen von den laut schreienden Schlangenölverkäufern, wartet, bis die Patienten entweder ungeheilt weiter gehen, oder tatsächlich vom Öl gesundet aus dem Zelt kommen. Kümmert euch in der Zwischenzeit um eure Aufgaben, seid gute Menschen, verbringt so viel Zeit wie möglich mit eurer Familie und Freunden und in der Natur und so wenig Zeit wie nötig mit AI Blubberblasen. Bleibt ruhig und macht weiter.
Fear of Missing Out↩
Rust ist natürlich nicht bei Weitem so populär wie die vorher genannten, aber ein Großteil der Software-Projekte, die in Rust geschrieben sind, ist vermutlich als Open-Source zugänglich↩
siehe auch den Lindy effect↩